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Tacheles Rechtsprechungsticker KW 49/2025
Rechtsprechungsübersicht – Grundsicherung, Sozialhilfe, AsylbLG und Bürgergeld
Stand: 07. Dezember 2025
Redaktion: Detlef Brock / Tacheles Rechtsprechungsticker
1. Entscheidungen des Bundessozialgerichts zur Grundsicherung nach dem SGB II
1.1 BSG, Urteile vom 02.12.2025 – B 7 AS 20/24 R, B 7 AS 30/24 R und B 7 AS 6/25 R
Grundsicherung für Arbeitsuchende – Arbeitslosengeld II – Regelbedarf – Höhe – Einmalzahlung – Preisentwicklung – Preissteigerung – Verfassungsmäßigkeit
Rechtsfrage:
Waren die nach § 20 SGB II bestimmten Regelbedarfe der Regelbedarfsstufe 1 in den Monaten September und Oktober 2022 verfassungskonform?
Kernaussage des BSG:
Die Höhe des ALG II im Jahr 2022 war trotz erheblicher Preissteigerungen ausreichend, um ein menschenwürdiges Existenzminimum zu gewährleisten.
Alle drei Klagen wurden abgewiesen; keine Vorlage an das Bundesverfassungsgericht.
Quelle: https://www.bsg.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/2025_30.html
Lesetipp:
ALG-II-Sätze verfassungskonform: Spät, aber nicht zu spät reagiert – Dr. Annalena Mayr
https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/bsg-b7as20-24r-alg-ii-saetze-verfassungskonform-existenzminimum
2. Entscheidungen der Landessozialgerichte zur Grundsicherung nach dem SGB II (Bürgergeld)
2.1 LSG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 16.10.2025 – L 3 AS 424/22
Leitsatz:
Ein Antrag auf endgültige Festsetzung vorläufig bewilligter Leistungen (§ 41a Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 SGB II) kann nach Ablauf der Jahresfrist nicht mehr zurückgenommen werden.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
Anmerkung (D. Brock):
Eine Haselnussallergie begründet keinen Mehrbedarf nach § 21 Abs. 5 SGB II, da keine kostenintensiveren Ersatzprodukte erforderlich sind.
2.2 LSG NRW, Beschlüsse vom 01.12.2025 – L 6 AS 1191/25 B ER und L 6 AS 1192/25 B
Kernaussage:
Bei der Glaubhaftmachung eines Anordnungsgrundes ist Pflegegeld als Einkommen zu berücksichtigen.
Anmerkung (D. Brock):
-
Der Berücksichtigung des Pflegegeldes (ca. 300 €), das die Ehefrau vom Antragsteller erhält, steht weder § 13 Abs. 5 S. 1 SGB XI noch § 1 Abs. 1 Nr. 4 Bürgergeld-VO entgegen.
-
Im Eilverfahren können sogar Mittel berücksichtigt werden, die materiell als Schonvermögen gelten würden.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
2.3 LSG NRW, Beschluss vom 19.11.2025 – L 21 AS 1422/25 B ER
Kernaussagen:
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Besondere gravierende Gründe für die Ausnahme nach § 22 Abs. 1 Satz 7 SGB II liegen nicht vor.
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Eine Untervermietung ist zur Kostensenkung grundsätzlich zumutbar.
Anmerkung (D. Brock):
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Der Gesetzgeber nennt die Untervermietung ausdrücklich als Beispiel in § 22 Abs. 1 Satz 7 SGB II.
-
Pauschale Behauptungen, eine Untervermietung sei „derzeit nicht praktikabel“, genügen nicht.
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Zumutbarkeit ergibt sich auch daraus, dass die Antragstellerin zuvor selbst als Untermieterin in der Wohnung lebte.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
3. Entscheidungen der Sozialgerichte zur Grundsicherung / Bürgergeld
3.1 SG Karlsruhe, Beschluss vom 10.11.2025 – S 12 AS 3208/25 ER
Thema: Fehlende Hilfebedürftigkeit bei nicht bewohntem Grundstücksvermögen oberhalb der Schonvermögensgrenze.
Kernaussage:
Ein Miteigentumsanteil an einer Zweitwohnung ist kein geschütztes Vermögen nach § 12 Abs. 1 Satz 2 Nr. 5 SGB II.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
3.2 SG Augsburg, Urteil vom 24.11.2025 – S 5 AS 726/25 (unveröffentlicht)
Leitsatz (RA Daniel Zeeb, Augsburg):
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Der Sofortzuschlag steht im Geburtsmonat in voller Höhe (25 €) zu; keine zeitanteilige Kürzung.
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§ 41 Abs. 1 SGB II findet auf den Sofortzuschlag nach § 72 SGB II keine Anwendung.
Quelle: RA Daniel Zeeb, Augsburg
4. Entscheidungen der Landessozialgerichte zur Sozialhilfe (SGB XII)
4.1 LSG Bayern, Urteil vom 27.06.2025 – L 8 SO 244/24
Thema: Keine Übernahme von Kosten der Zwangsräumung bei selbstverschuldeten Mietschulden.
Leitsätze (Auszug):
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Zwangsräumungskosten sind keine Unterkunftskosten nach § 42 Nr. 4 SGB XII.
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Sie sind auch keine Umzugskosten.
-
Sie dienen nicht der Erhaltung oder Beschaffung einer Wohnung, sondern der Durchsetzung eines Räumungsurteils.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
4.2 LSG NRW, Beschluss vom 03.11.2025 – L 9 SO 226/25 B ER / L 9 SO 227/25 B
Kernaussage:
Getrenntleben ist ein starkes Indiz für Trennungswillen (BSG 06.12.2018 – B 8 SO 2/17 R).
Anmerkung (D. Brock):
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Hilfe zum Lebensunterhalt nach RBS 1 für bulgarische Staatsangehörige.
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Trennung durch eidesstattliche Versicherungen bestätigt.
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Trotz § 41 Abs. 4 SGB XII besteht Anspruch auf Leistungen nach §§ 19, 27 ff. SGB XII.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
4.3 LSG Sachsen-Anhalt, Beschluss vom 10.11.2025 – L 8 SO 16/25 B ER
Thema: Beschäftigung naher Angehöriger als Budgetassistenten – nicht ausgeschlossen.
Leitsätze:
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Persönliches Budget muss den individuellen Bedarf vollständig decken.
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Budgetnehmer dürfen Löhne analog TVöD-P zahlen.
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Beschäftigung naher Angehöriger ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
Rechtstipp:
Vgl. LSG Hamburg, Beschluss vom 28.03.2025 – L 4 SO 66/24 B ER
5. Entscheidungen zum Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG)
5.1 LSG Bayern, Beschluss vom 28.07.2025 – L 11 AY 56/25 B ER
Leitsätze:
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Kein Verfassungsverstoß des § 1 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 AsylbLG bei zumutbarer Ausreise.
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Übertragung der BSG-Rechtsprechung zu Unionsbürgern ohne Aufenthaltsrecht.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
Rechtstipp:
Auch LSG Erfurt, 16.05.2025 – L 8 AY 222/25 B ER; Nichtannahmebeschluss BVerfG 30.06.2025 (1 BvR 1200/25).
Anmerkung (RA Gerloff):
Der UN-Sozialrechtsausschuss korrigierte eine grobe Fehlentscheidung des LSG Thüringen – Kritik am BVerfG wegen überspannter Subsidiaritätsanforderungen.
5.2 SG Karlsruhe, Beschluss vom 05.11.2025 – S 12 AY 3051/25 ER1 Abs. 4 Satz 1 AsylbLG ist unions- und verfassungsrechtswidrig
Anmerkung von Detlef Brock
1. Verpflichtung der Behörde im Wege der einstweiligen Anordnung dem Antragsteller Grundleistungen nach §§ 3 und 3a AsylbLG nach Maßgabe der für 2024 geltenden Regelbedarfsstufe 1 vorläufig zu gewähren.
2. Eine mehr als zweiundzwanzigmonatige – Fortführung einer Leistungseinschränkung nach § 14 Abs. 2 AsylbLG ist rechtswidrig
Orientierungssätze von Detlef Brock
1. § 1 Abs. 4 Satz 1 AsylbLG ist voraussichtlich unions- und verfassungsrechtswidrig (vgl. Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 19. Februar 2025, S 12 AY 424/25 ER; LSG NSB, Beschluss vom 13. Juni 2025, L 8 AY 12/25 B ER; Hessisches Landessozialgericht, Beschluss vom 1. Oktober 2025, L 4 AY 5/25 B ER).
2. Die Rechtswidrigkeit der Leistungseinschränkung nach § 1a Abs. 4 AsylbLG folgt auch aus § 14 Abs 2 AsylbLG. Bei dessen Anwendung bedarf es der zwingenden Überprüfung durch die Behörde, ob die Anspruchseinschränkung wegen eines inzwischen mehr als sechs Monate zurückliegenden Verhaltens aufrechterhalten bleiben kann ( (Hessisches LSG, Beschluss vom 17. September 2025 – L 4 AY 9/25 B ER - ).
3. Das angerufene Sozialgericht hat massive Zweifel daran, dass die Behörde im Fall des Antragstellers überhaupt gewillt ist, die im Falle einer – hier mehr als zweiundzwanzigmonatigen – Fortführung einer Leistungseinschränkung nach § 14 Abs. 2 AsylbLG dem Unions- und Verfassungsrecht sachangemessene Verhältnismäßigkeitsprüfung ordnungsgemäß und unvoreingenommen durchzuführen.
4. Die Bestandsschutzklausel des § 28a Abs 5 SGB XII gelangt über den Verweis in § 3a Abs 4 Satz 1 AsylbLG zur Anwendung (Sozialgericht Mainz, Beschluss vom 29. September 2025 – S 15 AY 28/25 ER –, Rn. 28, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 8. September 2025 – S 17 AY 28/25 ER –, Rn. 38, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 11. August 2025 – S 17 AY 25/25 ER –, Rn. 59, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 31.03.2025, S 12 AY 706/25 ER, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 21.07.2025, S 12 AY 1152/25 ER, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 21.07.2025, S 12 AY 1183/25 ER, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 21.07.2025, S 12 AY 1381/25 ER, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 21. Juli 2025, S 12 AY 1347/25 ER, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 11. Juli 2025 – S 17 AY 26/25 ER –, Rn. 27, juris; Sozialgericht Marburg, Beschluss vom 23. Mai 2025 – S 16 AY 8/25 ER –, Rn. 23, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 7. Mai 2025 – S 17 AY 17/25 ER –, Rn. 27, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 17. März 2025 – S 17 AY 3/25 ER –, Rn. 28, juris; Sozialgericht Marburg, Beschluss vom 14. Februar 2025 – S 16 AY 11/24 ER –, Rn. 22, juris). Die hiervon abweichende, aber unrichtige Rechtsprechung des Landessozialgerichts Baden-Württemberg (LSG Baden-Württemberg Beschluss vom 29.4.2025 - L 7 AY 918/25 ER-B) ist dem Sozialgericht Karlsruhe hinlänglich bekannt, aber gemäß Art. 97 Abs. 1 GG nicht bindend und steht damit der Bejahung eines Anordnungsanspruchs nicht entgegen.
5. Der vorliegende Fall ist besonders eilbedürftig, weil dem Antragsteller durch das Zusammenwirken der
- verfassungswidrigen Leistungseinschränkung nach § 1a AsylbLG und
- der Zugrundelegung der verfassungswidrigen Regelbedarfsstufe 2 und
- der Außerachtlassung der Bestandsschutzregel aus § 28a Abs. 5 SGB XII derzeit monatlich anstatt 460,- € nur 197,- € gewährt werden.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
5.3 LSG Niedersachsen-Bremen, Beschluss vom 30.10.2025 – L 8 AY 17/25 B ER (unveröffentlicht)
Kernaussage:
§ 1a AsylbLG ist sehr wahrscheinlich verfassungswidrig.
Anmerkung (RA Gerloff):
Die vollständige Streichung soziokultureller Bedarfe und Leistungen nach § 6 AsylbLG ist verfassungsrechtlich nicht haltbar.
Quelle: Newsletter 10/2025 – RA Volker Gerloff
5.4 SG Freiburg, Beschluss vom 25.09.2025 – S 7 AY 1074/25
Thema: Beiträge zur obligatorischen Anschlussversicherung als Bedarf nach § 6 AsylbLG.
Leitsätze:
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Beiträge können über § 6 AsylbLG übernommen werden, sind aber nicht von §§ 3, 3a AsylbLG umfasst.
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Übernahme nur bei bestehender oder offener Bleibeperspektive.
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Keine Übernahme bei Duldung nach § 60b AufenthG.
Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de
6. Verschiedenes
6.1 Newsletter RA Volker Gerloff – 10/2025
Thema: Fortschreibung der Grundleistungen 2026, Überprüfungsanträge bis 31.12.2025, zahlreiche Hinweise und Urteile.
Quelle: https://www.ra-gerloff.de/newsletter/Newsletter-10-2025.pdf
6.2 Studie: Bürgergeldbezieher beklagen mangelnde Jobcenter-Unterstützung
Langzeitarbeitslose suchen selten selbst nach Jobs; gesundheitliche Gründe dominieren.
Der Paritätische kritisiert den Fokus der Studie als irreführend.
Hinweis zur Zitierweise
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Quelle: Tacheles Rechtsprechungsticker KW XX/2025 – Autor: Detlef Brock
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Newsletter: Thomé Newsletter 12/2025 vom 06.04.2025 – Autor: Harald Thomé
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Verfasser
Detlef Brock
Redakteur – Tacheles Rechtsprechungsticker