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Zur Person Dr.Manfred Hammel

Aus der Stuttgarter Zeitung vom 21.7.1998


"Anwalt der Armen"
von Michael Trautig

Im Paragraphen-Dschungel des Polizei- und Sozialrechts finden sich wohl nur wenige so gut zurecht wie Manfred Hammel. Schon mehrmals hat er beim Schlagabtausch mit Schriftsätzen vor dem Mannheimer Verwaltungsgerichtshof die Stuttgarter Behörden das Fürchten gelehrt. Wie berichtet, hat Hammel gerade erst geholfen, dort mit einer Normenkontrollklage das Bettlerverbot in der städtischen Polizeiverordnung zu kippen. Dabei ist der Mann weder Rechtsanwalt noch examinierter Jurist. Im Auftrag der Caritas berät er vielmehr Arme in rechtlichen Fragen und schaltet bei Bedarf ausgebildete Juristen ein. Diese nutzen bei den Schriftsätzen gerne die Formulierungskünste des 38jährigen.

Von drei spektakulären Erfolgen bei seinem "Kampf gegen Behördenwillkür" er zählt der gebürtige Würzburger. Vor drei Jahren habe sich die Betreuerin einer jungen. Drogensüchtigen bei ihm gemeldet Der mit dem Aids-Virus infizierten Fixerin war für drei Monate das Betreten der Innenstadt untersagt worden, weil man 1,3 Gramm Heroin bei ihr gefunden hatte. "Wie hätte das Mädchen nun zur Methadonabgabe oder zu ihrem Seelsorger kommen sollen?" fragt Hammel. Er legte im Namen der Süchtigen Widerspruch ein und bekam schließlich unterstützt von einem Anwalt, vor dem Verwaltungsgerichtshof recht.

Dort landete auch ein anderes von Hammel forciertes Verfahren. Ein ehemaliger Obdachloser, er aus dem Rems-Murr-Kreis stammte, bekam keine Sozialhilfe mehr. Auch die Kosten für eine Betreuung des einst Alkoholkranken wollte niemand mehr übernehmen. Der Rems-Murr-Kreis nicht, weil der Mann jetzt in Stuttgart wohnte. Die Landeshauptstadt nicht, weil der Sozialhilfeempfänger ortsfremd sei. Vor dein Verwaltungsgerichtshof unterlag die Hauptstadt am Ende.

"Meistens muss ich mich um Kürzungen bei der Sozial. und Arbeitslosenhilfe kümmern", so Hammel. 80 Prozent seiner Klienten seien psychisch krank. Daneben suchten Asylbewerber seinen Rat. Hammel hat sich schon eine Anzeige bei der Anwaltskammer eingehandelt. Der Vorsitzende eines Senats beim Verwaltungsgerichtshof beschwerte sich. 20 Prozent der Eingänge bei dem Senat seien auf Hammels Engagement zurückzuführen. Ihm wurde vorgeworfen, gegen das Rechtsberatungsgesetz zu verstoßen und sich Tätigkeiten anzumaßen, die Anwälten vorbehalten seien.

Gegen die Vorwürfe setzte sich Hammel erfolgreich zur Wehr. Allerdings muss er sich an Spielregeln halten. Wenn er etwa bei einem Prozeß nicht als Beistand' zugelassen ist, muss er im Zuschauerraum Platz nehmen. Braucht Hammels Schützling Hilfe. hebt der Caritas-Mitarbeiter dann die Hand und gibt dem Klienten Tipps. Die Solidarität mit den Armen übte der promovierte Sozialwissenschaftler schon von Kindesbeinen an. Sein Väter leitete in Würzburg und Friedrichshafen Einrichtungen der Jugendhilfe. Das Engagement in konfessionellen Jugendgruppen, bei der evangelischen Studentengemeinde oder der örtlichen Arbeitsloseninitiative war für Hammel deshalb selbstverständlich. 1991 kam der Mann, der über ein Gedächtnis wie ein Lexikon verfügt, nach Stuttgart "Es folgte eine schwere Zeit', sagt er. Trotz bester Noten konnte der wegen eines inneren Leidens Schwerbehinderte keine Arbeit finden. "Ich kenne das Gefühl, den Behörden ausgeliefert zu sein und am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen zu dürfen", sagt der Sozialrechtsexperte. Er verstehe, wenn jemand aus Hoffnungslosigkeit zu Alkohol und Drogen greife. Soweit kam es bei Hammel allerdings nicht. 1992 legte die Landesregierung ein Beschäftigungsprogramm für Schwerbehinderte in der Landesverwaltung auf. Hammel konnte sein zweieinhalbjähriges Referendariat im Verwaltungsdienst beginnen. Gleich im Anschluss baute die Stuttgarter Caritas ihre neue Beratung auf. Bundesweit, so Hammel, sei dieses Angebot eines Trägers der freien Wohlfahrtspflege einmalig.Der frisch gebackene Assessor bekam 1995 diesen Job im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Seit Januar 1997 ist er fest angestellt. Nun türmen sich in seinem kleinen Arbeitszimmer in der Strombergstraße die Akten. Wenn die Behörden ihre Grenzen überschreiten, muss ich sie stoppen", sagt er selbstbewusst. Sein Sachverstand ist heute bundesweit gefragt. Auf internationalen Konferenzen hat Hammel referiert, in Fachzeitschriften publiziert und Dokumentationen zusammengetragen.
Auch Petitionen so der Anwalt der Armen, seien ein gutes Mittel sich zu wehren.