Der Tod des 2-jährigen Kevin hat im Oktober 2006 die Republik aufgeschreckt. Geprägt waren die letzten Monate seines kurzen Lebens, besser vielleicht das ganze Leben des Bremer Jungen durch eine genauso erschütternde wie irritierende Abfolge von Ereignissen. Beunruhigend an den Vorfällen ist vor allem, dass die wiederholte Misshandlung und schließlich der Tod des Jungen unter der Vormundschaft des Bremer Jugendamtes und während des Bezugs von Leistungen bei der Bremer Alg II-Behörde (BAgIS) geschehen konnte. Kevin und sein Vater waren dem Jugendamt und anderen Stellen bekannt. Der Junge wuchs nach Aktenlage in privater und öffentlicher Verantwortung auf.
Der nun vorliegende „Bericht des Untersuchungsausschusses zur Aufklärung von mutmaßlichen Vernachlässigungen der Amtsvormundschaft und Kindeswohlsicherung durch das Amt für Soziale Dienste“ ist am 26. April 2007 in der letzten Sitzung der Bremischen Bürgerschaft vor der Bürgerschaftswahl am 13. Mai 2007 beraten worden.
Die folgenden Anmerkungen von Paul M. Schröder beziehen sich ausschließlich auf den Abschnitt über die „Bremer Arbeitsgemeinschaft für Integration und Soziales (BAgIS)“, die stadtbremische „Hartz IV“-Behörde.
Zur Sache:
Das kurze Leben des kleinen Kevin
Bremen. In Bremen haben Polizisten am Dienstag einen zweieinhalb Jahre alten Jungen tot in einem Kühlschrank entdeckt. Der Junge stand seit dem Tod seiner drogensüchtigen Mutter unter der Vormundschaft des Jugendamtes, lebte aber beim Vater, gegen den am Mittwoch Haftbefehl erlassen wurde. Der Verlauf der Ereignisse nach Darstellung der Behörden:
Januar 2004: Kevin wird geboren als Kind einer drogensüchtigen Mutter.
März 2004: Mutter und Kind zur Entgiftung in einer Klinik.
August 2004: Polizeimeldung über Verdacht der Kindesmisshandlung. Ergebnis des Einsatzes der Beamten: Der Säugling hat keine Verletzungen, es gibt aber Zweifel an der Erziehungsfähigkeit der Eltern.
Oktober 2004: Kevin wird in eine Kinderklinik eingewiesen, die Ärzte stellen Knochenbrüche fest.
November 2004: Der Junge wird in Obhut genommen und bleibt einige Tage in einem Bremer Kinderheim; es folgt ein sechswöchiger Einsatz eines Familienkrisendienstes. Der kommt zu dem Ergebnis: Die Eltern haben die nötigen Erziehungskompetenzen.
Februar 2005: Ein Kinderarzt stellt eine Gewichtsabnahme bei Kevin fest. Zwei Wochen später berichtet er, dass die Entwicklung des Jungen wieder gut verlaufe.
März 2005: Das Jugendamt stellt eine positive Prognose.
Mai 2005: Das zweite Kind, das Kevins Mutter erwartet, stirbt im Mutterleib.
Juli 2005: Die Polizei berichtet von Auffälligkeiten. Bei einem Hausbesuch stellen Mitarbeiter des Sozialzentrums keine Mängel bei der Versorgung des Kindes fest.
August 2005: Eltern-und-Kind-Therapie zur Entgiftung in einer Klinik.
Oktober 2005: Im Rahmen eines Angebots zur Frühförderung geht Kevin in eine Kindergruppe, die Mutter nimmt an einer Elternschule teil.
November 2005: Die Mutter stirbt. Der Notarzt schließt Fremdverschulden nicht aus. Das Kind kommt für fast drei Wochen erneut in ein Kinderheim. Der Vater wird vorübergehend in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen. Das Jugendamt wird zum ersten Vormund des Kindes. Eine Woche später entscheidet das Sozialzentrum, dass Kevin wieder zum Vater kann.
Januar 2006: Eine Bewährungshelferin teilt ihre Sorge über die Erziehungsfähigkeit des Vaters mit.
März 2006: Kevin bekommt auf Anweisung des Sozialzentrums eine Tagesmutter. Dort erscheint er nur unregelmäßig. Die Tagespflege wird daraufhin abgebrochen.
April 2006: Die Mitarbeiter des Sozialzentrums sehen Kevin zum letzten Mal. Bei diesem Treffen wird beschlossen, dass er durch frühe Hilfen gefördert werden soll.
Juli 2006: Die Frühförderstelle teilt mit, dass Kevin nicht kommt.
September 2006: Das Sozialzentrum übermittelt dem Amtsvormund, dass der Vater sich der angebotenen Hilfe entzieht. Eine Woche später ruft Kevins Großmutter im Sozialzentrum an, weil sie den Jungen seit Anfang Juli nicht mehr gesehen hat. Es wird beschlossen, den Jungen aus der Familie zu nehmen, ein Verfahren wird eingeleitet.
2. Oktober 2006: Das Gericht beschließt, Kevin aus der Wohnung des Vaters abzuholen.
10. Oktober 2006: Kevin wird tot im Kühlschrank in der Wohnung seines Vaters gefunden
(dpa)
Tacheles Onlineredaktion
Frank Jäger