2002: 55% mehr Trainingsmaßnahmen

„Wir können nicht für jeden einzelnen etwas extra stricken”

Ein Mathematik-Professor soll Prozentrechnung pauken, ein promovierter Historiker sein Deutsch auffrischen, ein promovierter Bauingenieur psychologischen Berufseignungstests unterworfen werden - einige der 'Blüten', die aktivierende Arbeitsmarktpolitik mit ihren Trainingsmaßnahmen (TM) landauf, landab produziert. Zusammen mit einem ehemaligen Chemie-Professor, Molekularbiologen, Kunsthistorikern und weiteren Ingenieuren fanden sie sich im „Job Colleg” des Bonner „JobCenters 2002”, fühlten sich „beleidigend” behandelt - und benannten damit genau den Kern dessen, was mit ihnen veranstaltet werden sollte. Doch das Arbeitsamt gab sich arglos: Nach dem JobAqtiv- Gesetz solle es sich mit den Arbeitslosen befassen, ihre Stärken und Schwächen analysieren, um Ursachen ihrer Langzeitarbeitslosigkeit zu finden. Dabei könne es jedoch nicht für „jeden einzelnen etwas stricken” 1. Kann es wirklich nicht? [Dass solche Maßnahmen nicht nur für Personen mit Hochschulabschluss beleidigend sind, sei hier zur Vollständigkeit ergänzt; die quer- Säzzerin]

Alles Krokodilstränen, denn für Politik und Arbeitsamt sind diese Maßnahmen in genau dieser Ausgestaltung alles andere als „idiotisch”, denn sie tragen mit all' ihren kleinen und großen Schikanen und Demütigungen dazu bei, monatlich tausende Erwerbsloser zumindest zeit- weise aus dem Leistungsbezug zu drängen. So gab es 2002 bundesweit 877.000 Teilnehmerlnnen in TM, 311.906 oder 55 % mehr als 20012.

Und da soll es nicht möglichsein, „passgenaue” Fördermaßnahmen zu stricken? Aber darum genau geht es eben nicht! Gehe ich (nach Zahlen aus Oldenburg) davon aus,

  1. dass sich ca. 1/3 der zu Trainingsmaßnahmen bestellten Personen genau diese nicht antun wollen oder können (u.a. da sie dann den für ihre Haushaltskasse notwendigen Nebenjob verlieren oder für diese kurze TM grad in den Schulferien keine Kinderbetreuung organisierbar ist), und
  2. die Arbeitsämter in genauem Kalkül dieser Verdrängungsquote gleich entsprechend mehr Leute zu TM vorladen als dort Plätze vorhanden sind, wurden im Jahr 2002 bundesweit ca. 400.000 Personen via TM aus Statistik und/oder Leistungsbezug

gedrängt. Sie finden sich in der Nürnberger Statistik u.a. bei den 1,25 Mill. Erwerbslosen wieder, die „wegen Nichterneuerung der Meldung oder fehlender Mitwirkung” ihre Arbeitslosigkeit durch Abmeldung in „sonstige Nichterwerbstätigkeit” beendeten. 2002 nahm die Zahl dieser Abmeldungen um 283.600 bzw. 10 % zu.3

gg

 

(1) Vgl. hierzu Rolf Kleinfeld in der BONNER ZEITUNG vom 5.10.02.
(2) Bericht der BA vom 9.1.03, S. 24.
(3) Ebd. S. 19.

Hintergrund:

Vorsicht Falle: Gerster verordnet systematische Leistungseinschnitte bei Arbeitslosen
http://www.tacheles-sozialhilfe.de/aktuelles/2003/alg_falle.html

Arbeitsamtsmitarbeiter aus NRW beschreiben Ausgrenzungspolitik der BA
http://www.tacheles-sozialhilfe.de/aktuelles/2003/ba_ausgrenzungspolitik.html

Schweinerei des Monats: Das Arbeitamt Neumünster verlangt von einem Arbeitslosen per Unterschrift den Verzicht auf Arbeitslosenhilfe
http://www.tacheles-sozialhilfe.de/aktuelles/2003/neumuenster_methoden.html

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